Über Tango

 

Dem Tango in seiner Vielfalt und Tiefe nahe zu kommen, ist nicht einfach, denn der Tango ist ein sehr inniges und doch freiheitsliebendes Wesen :-)

Viele erinnern sich - vielleicht sogar eher mit Schrecken als mit Freude – noch an ihre Tanzschul-Erfahrungen während der Schulzeit. Meist wurden Figuren auswendig gelernt, die dann gefühlt eher „abgespult“ als miteinander getanzt wurden. Kam neben Discofox und Rumba der Tango vor, dann war es sicher der europäische und nicht der argentinische. Den Kopf energisch hin- und herzuwerfen gehört definitiv nicht zu dem, was die weltweite Begeisterung für den Tango ausmacht.

Der argentinische Tango ist kein „gewöhnlicher“ Tanz, den man mal so nebenher erlernen kann. Für manche wird er zu einem lebenslangen Begleiter, dessen Faszination über die Jahre eher noch zu nimmt, wenn man in die Feinheiten und die Lebensweisheit dieses Tanzes eintaucht. Was macht seine Besonderheit aus?

Häufig wird in Bezug auf den Tango die Metapher einer Sprache verwendet: beim Erlernen wird nicht mit auswendig gelernten Phrasen gearbeitet, die nur zu langweiligen, vorhersehbaren und inhaltsleeren Dialogen führen, sondern man beschäftigt sich sozusagen mit Grammatik und dem Aufbau eines Grundwortschatzes. Auf diese Weise sind die Sprecher bzw. Tänzer schnell in der Lage, eigenständig Sätze zu bilden, persönliche Inhalte auszudrücken und echt sowie individuell zu kommunizieren. In diesem Bild wäre Tango eine Art „globale Bewegungssprache“, die tatsächlich weltweit zum Einsatz gebracht werden kann – und dies völlig unabhängig davon, ob man die Landessprache spricht oder nicht.

Beim Tango geht es darum, Impulse zu senden und Einladungen auszusprechen, ohne am Gegenüber zu drücken oder zu ziehen. Es geht um die Fähigkeit, neue Richtungen einzuschlagen und Tempi-Wechseln anzukündigen, so dass der/die Partner/in gut folgen kann. Es geht um den persönlichen Ausdruck der Gefühle und Stimmungen, die die Musik im Tänzer oder der Tänzerin hervorrufen. Es geht um die Qualität der Umarmung und der Verbindung im Tanzpaar, die - wenn auch nur für die Dauer von ein paar Minuten angelegt - bleibenden Eindruck hinterlassen darf...  So spricht der aficionado, der sich ein Leben ohne den Tango schon nicht mehr vorstellen kann. Und derer gibt es viele.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Rio de la Plata, also in Buneos Aires und Montevideo entstanden, hat sich der Tango in mehreren Wellen fast über die ganze Welt verbreitet und ist seit 2009 als immaterielles Weltkulturerbe durch die UNESCO anerkannt. Das goldene Zeitalter des Tango lag in den 1930er und 40er Jahren und es wird auch heute noch vorrangig auf die Musik dieser Epoche getanzt. Der in Europa bekannteste Tango-Musiker und -Komponist ist paradoxerweise Astor Piazzolla, der den traditionellen Tango der epoca d’oro erneuerte und dafür damals gerade von den Tänzern stark angefeindet wurde. Mittlerweile ist auch die Vermischung von Tango mit elektronischen Beats nichts Neues mehr, wie das erfolgreiche Beispiel von Gotan Project zeigt.

In Frankreich, Deutschland, Finnland, Russland etc. gab es vor allem in den 1920er Jahren einen großen Tango-Boom. In den achtziger Jahren schwappte dann der Tango erneut nach Europa herüber. Über die Begeisterung für den Bühnentango wuchs nach und nach das Interesse am „sozialen“ Tango, der mit zum Teil wenig Platz auf vollen Tanzflächen und damit einhergehend einer starken Improvisationsgabe andere Schwerpunkte setzt als das Erarbeiten von Choreographien. Mittlerweile findet sich in Deutschland keine größere Stadt mehr, in der es nicht wenigstens ab und zu Tango-Unterricht und Tanzveranstaltungen, die sogenannten Milongas gibt. In den größeren Metropolen ist es sogar allabendlich möglich, die Tanzschuhe einzupacken und sich dem Tango hinzugeben...